Konstanz-Coach Jörg Lützelberger: „Wir wollen jagen gehen“

Konstanz-Coach Jörg Lützelberger: „Wir wollen jagen gehen“

Über neue Impulse, Freiburgs Trainer Christian Streich, Ideen aus der 2. Bundesliga und „unendliche Arbeit“ bei der HSG für die Rückkehr in die stärkste zweite Liga der Welt

Seit 18. Juli ist Jörg Lützelberger Head Coach der HSG Konstanz. Der 36-Jährige EHF-Mastercoach und Sportwissenschaftler war als Kreisläufer fast 300 Mal in der 1. Bundesliga unter anderem für die Traditionsvereine TV Großwallstadt, VfL Gummersbach, TBV Lemgo und TuSEM Essen aktiv und dreimal Europapokalsieger. Der ehemalige Jugend- und Junioren-Nationalspieler arbeitete anschließend als Co-Trainer beim VfL Gummersbach, Trainer der Drittligamannschaft sowie Leiter dessen Nachwuchsakademie und zuletzt für den österreichischen Erstligisten Bregenz Handball.

Im Interview mit Andreas Joas spricht der aus Suhl stammende Wahl-Lindauer über neue Impulse in Neuro-Athletik, Yoga und Mediation, zitiert Freiburgs Trainer Christian Streich, Ideen aus der 2. Bundesliga und „unendliche Arbeit“ bei der HSG für die Rückkehr in die stärkste zweite Liga der Welt.

 

Jörg, ein sehr intensives zweites Halbjahr liegt in 2021 hinter uns. Wie hast Du Weihnachten verbracht und Kraft getankt?

Ich habe eine siebentägige LiveFresh-Saftkur gemacht, die Zeit genutzt zu joggen, hatte in der Schule noch ein wenig Unterricht zu geben, den Jahresabschluss und die Steuererklärung zu machen sowie die Vorbereitung zu planen. Weihnachten habe ich mit meiner Familie im engen Kreis genossen. Mit sechs- und achtjährigen Kindern ist das immer eine schönes Fest und eine coole Sache. Wir haben lecker gegessen, ein Lagerfeuer gemacht und ein Bad im Bodensee genommen.

 

Ein Bad im Bodensee? Wie frisch war es?

(lacht) Wir hatten mit 5,5 Grad Wassertemperatur perfekte Bedingungen. Das war unser zweites Silvesterbaden. So treffe ich mich immer online mit Freunden aus meiner Gummersbacher Zeit und wir gehen zum Jahresabschluss gemeinsam ins Wasser. Ich schaffe gerne neue Traditionen und inspiriere gerne andere Menschen. Inzwischen mache ich das schon seit einiger Zeit täglich. In der ersten Zeit ist es noch eine mentale Herausforderung, nicht sofort wieder umzudrehen. Jetzt genieße ich es von Anfang bis zum Ende und drehe meine Runden.

 

Die Pause war kurz. Schon am 27. Dezember begann das Trainingslager. Um was ging es im dreitägigen Impuls-Trainingslager zwischen den Jahren?

Das lief sehr positiv und zufriedenstellend. Wir sind drei Tage eine hohe Belastung gefahren und haben vor allem im individuellen Bereich in der Abwehr und im Angriff Schwerpunkte gesetzt. Dazu haben wir mittels Video analysiert, wo wir noch Ressourcen haben, um besser zu werden und uns weiterzuentwickeln. Dazu hatten wir eine tolle Zeit, sind gemeinsam in das CineStar-Kino gegangen und haben uns Spiderman angesehen. Ein Dank dafür an Detlef Rabe. Neue Impulse haben wir in Neuro-Athletik von Dr. Stefanie Raaf, Meike Hof im Yoga sowie in Mediation erhalten. Zum Abschluss jeden Tages sind wir in den Bodensee gestiegen und hatten unseren Spaß bei einem Streetball-Turnier zu Beginn der Einheiten. Hier standen auch Kraftausdauer-Zirkel und zahlreiche Gespräche auf dem Programm. Übernachtet habe ich bei Athletiktrainer Vitor de Faria Baricelli. So haben wir von morgens bis abends über Handball gesprochen.

 

Schon am 15. Januar geht es wieder in der 3. Liga mit einem Auswärtsspiel beim TV Plochingen weiter. Was steht bis dahin noch auf dem Programm?

Wir werden zunächst weiter die individuelle Entwicklung in dem Mittelpunkt stellen und Kraft für die Saison tanken. Es geht dann sehr schnell. In neun Wochen wird die reguläre Saison beendet, ehe die Aufstiegsrunde beginnt. Die Stimmung und Motivation sind gut. Es sind alle mit Eifer bei der Sache – wirklich tolle Typen. Diese viele Zeit und hohen Einsatz haben wahrscheinlich nicht viele Teams in unserer Klasse in dieser Weise auf sich genommen. Es ging dabei nicht nur darum, den Körper physisch zu fordern, sondern eben auch darum, neue Impulse und den Fokus zu setzen. Wir wollen jagen gehen.

 

Du hast immer betont nicht weit nach vorne sehen zu wollen. Vielleicht in der Pause. Hast Du nun neue Pläne und Ziele definiert?

Ich dachte, dass ich in der Pause weiter nach vorne sehen werde. Das habe ich nicht gemacht. Zumindest die Termine der Aufstiegsrunde habe ich mir jetzt mal in meinen Kalender eingetragen. Ansonsten ging es um die Detailarbeit mit der Mannschaft und den einzelnen Spielern in Abwehr und Angriff. Um gutes Aushelfen und die Qualitäten im Abschluss und im Eins-gegen-Eins. Wir haben eine klare Vorstellung, wie wir spielen wollen. Mit neuen Zielstellungen wollen wir in den Auslösungen und den Abschlüssen noch Potenziale nutzen. Dazu haben wir uns auch Ideen aus der 2. Bundesliga geholt. Was wird dort gespielt, was ist nötig, um hier zu bestehen? Wo liegen die Unterschiede zur 3. Liga? Das ist schwer zu vergleichen. Dennoch wollten wir sehen, ob wir in der Abwehr aktiv genug sind, im Eins-gegen-Eins stark genug sind, am Kreis sind, wo wir hinwollen, die richtigen Dinge und richtigen Ziele vor Augen haben. Das gab tolle Rückschlüsse. Denn das Ziel der HSG ist es, wieder in der 2. Bundesliga zu spielen. Wenn wir es nicht diese Saison schaffen, dann wird das das Ziel in der nächsten und gegebenenfalls der darauffolgenden sein. Dazu habe ich Vitor de Faria Baricelli stärker eingebaut, nicht nur im athletischen, sondern auch handballerischen Bereich und seine Erfahrungen von der brasilianischen Nationalmannschaft einfließen lassen. Torwarttrainer Sven Gemeinhardt hat sich um die Torhüter gekümmert, Fabian Schlaich um die Außen. So konnte ich immer wieder beobachten und jeder seine Stärken einbringen.

 

Was waren Deine Beobachtungen? Ist das Schiff auf Kurs?

Wir sind total im Moment und dabei auf uns zu sehen und uns stetig weiterzuentwickeln. Der Blick zurück und zu weit voraus bindet stets Ressourcen. Diese setzen wir lieber etwa für eine ausführliche Videoanalyse in Gruppen ein und sehen wie wir uns entwickelt und wo wir noch nicht so viel investiert haben. Vom Ist-Zustand aus haben wir neue Zielstellungen definiert, nun arbeiten wir an den Details. Die Jungs sind voll bei der Sache. Kürzlich habe ich dazu ein Zitat von Freiburgs Trainer Christian Streich gelesen: „Am beschte: Machsch' de Fernseher aus, schausch' de Tabelle nit an, bringt eh alles nix. Spielsch'! Übsch'!“ Das trifft es sehr gut. Die Punkte, die wir geholt haben, nimmt uns keiner mehr. Die Gegentore, die wir kassiert haben, werden wir nicht mehr rückgängig machen. Mit dem Impuls-Trainingscamp wollten wir neue Perspektiven aufzeigen.

 

Gib uns bitte einen kleinen Einblick: Welche sind das?

Ein erfahrener Speaker aus den USA, der sich mit Unternehmensführung und Persönlichkeitsentwicklung befasst, spricht von endlichem und unendlichem Spiel in unserem Fall. Für die 60 Minuten auf dem Spielfeld sind klare Regeln vorgegeben, vieles ist messbar. Das dazwischen nicht. Für die anderen 167 Stunden der Woche gilt das, was ich in meiner Zeit beim TVB Stuttgart gelernt habe: Das Geheimnis des Erfolgs ist die Beständigkeit des Ziels. Das ist der unendliche Teil der Arbeit bei der HSG. Von der ersten Mannschaft über alle Teams von der U23 zur Jugend, bis hin zur Organisation und dem Management. Deshalb ist es für mich klar, dass es keine Frage des Ob ist, ob die HSG wieder in die 2. Bundesliga zurückkehrt nur eine Frage des Wann. Darauf arbeiten alle hin, dort wollen alle hin.

 

Fragen: Andreas Joas

 

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