HSG Konstanz in Dresdner 15-Millionen-Arena ohne Sechs
Handball

HSG Konstanz in Dresdner 15-Millionen-Arena ohne Sechs

Nicht alltägliches Spiel bei außergewöhnlichem Projekt. Nach dem Genickschlag vor einer Woche gegen Hagen steht für die HSG Konstanz ein nicht alltägliches Kräftemessen mit einem außergewöhnlichen Projekt bevor, das „in seinen Grundzügen an das Fußball-Projekt von RB Leipzig erinnert“, so der Sport-Informations-Dienst (SID).

Schon am Samstagmittag wird Konstanz aufbrechen, um trotz des Ausfalls von mindestens sechs Zweitligaspielern vielleicht im neunten Auswärtsspiel der Saison die ersten Punkte in der Fremde verbuchen zu können.

Doch die Vorzeichen stehen schlecht. Das liegt einerseits natürlich an Dresdens enormer Qualität, die mit Mario Hunstock (31) nicht nur einen erstklassigen Torwart von Bundesligist HC Erlangen nach Sachsen lotsen konnten, sondern mit dem tschechischen Nationalspieler Roman Becvar (28) vom Nachbarn Leipzig gleich noch einen weiteren Akteur aus der Eliteklasse verpflichtet haben. Dazu kommen unter anderem auch noch der 2,06 Meter große slowakische Nationalspieler Patrik Hruščák (28), der Schwede Gabriel De Santis und der erfahrene Rene Boese (33). Möglich macht dies der zahlungskräftige Mäzen Uwe Saegling. Der frühere Weltklasse-Ruderer, der Anfang der 90-er Jahre ein Unternehmen für Medizintechnik in Dresden gründete, stieg 2008 in der fünften Liga beim erst 2006 gegründeten HC Elbflorenz ein. Mit seiner Unterstützung ging es stetig nach oben, bis im vergangenen Sommer der Aufstieg in die 2. Bundesliga gelang. Schon als Saegeling begann, das Projekt HC Elbflorenz zu pushen, war das Ziel jedoch von Anfang an noch größer – die 1. Bundesliga. Wenn auch noch nicht in diesem Jahr, dann in einem der nächsten. Dafür kann Trainer Christian Pöhler schon jetzt mit einem 1,4-Millionen-Etat operieren.

„Damit arbeiten sie sehr gut“, sagt HSG-Cheftrainer Daniel Eblen. „Elbflorenz hat damit einen Top-Kader zusammengestellt, der gut zusammenpasst. Sie spielen einen guten Handball und haben eine gute Mischung im Team.“ Den EHV-Aue hat Dresden als Nummer zwei in Sachsen – zumindest aktuell – schon abgelöst, auch wenn der Tabellen-13. erst vor einer Woche das Derby im Erzgebirge nach deutlicher Führung noch knapp mit 27:28 verloren hat. „Ich setze darauf, dass meine Mannschaft nach dem unglücklichen Auftritt in Aue mit Wut im Bauch antritt und einfach noch mehr investiert“, kündigt Dresdens Übungsleiter Pöhler vor dem Spiel gegen Konstanz an.

Viel Wut im Bauch hat die HSG Konstanz nach der „maximal unglücklichen Niederlage“, so Fabian Maier-Hasselmann nach dem Knockout gegen Hagen in letzter Sekunde durch einen abgefälschten Wurf, indes auch zu bieten. Obwohl Trainer Daniel Eblen erklärt, das Loch, in dem er sich am Sonntag befunden habe, sei gar nicht so groß gewesen. „Wir haben zu viel liegenlassen und hatten leider einige schwache Phasen mit vielen schnellen Ballverlusten. Aber das Team ist da, die Mannschaft lebt.“ Mut macht ihm trotz der großen Verletzungssorgen der letzten Wochen, dass man auch gegen die erfahrene Truppe aus Hagen auf Augenhöhe war, wenn man auch den Killerinstinkt vermissen lassen hat.

In anderen Dimensionen denkt man in der 544 000 Einwohner zählenden Metropole an der Elbe. Mittelfristig will Elbflorenz zur festen Größe werden und im Osten die Konkurrenz aus Berlin, Magdeburg und Leipzig das Fürchten lehren. Die Heimspielstätte, die brandneue, zu Saisonbeginn eingeweihte Ballsportarena in Dresden übererfüllt schon einmal die Erstligastandards. Die Multifunktionsarena bietet 3000 Sitzplätze und neben den üblichen Ausstattungen unter anderem auch ein Restaurant, fünf Squashcourts, eine Kegelbahn, eine Sauna mit Bewegungsbecken und eine Physiotherapiepraxis. Das Besondere ist allerdings das Spielfeld. LED-Lampen unter einem Plexiglasboden lassen per Knopfdruck die Spielfelder für Handball, Basketball oder Volleyball aufleuchten – eine Weltneuheit. Kostenpunkt für die Arena: 15 Millionen Euro. Finanziert hat dies Mäzen Saegeling – komplett aus eigenen Mitteln.

Konstanz wird in der sächsischen Hauptstadt zudem nicht nur auf die fünf länger ausfallenden Sebastian Bösing, Stefan Hanemann, Michael Oehler, Benjamin Schweda und Samuel Wendel verzichten müssen, jetzt scheint auch der Ausfall von Konstantin Poltrum  fast sicher zu sein. Damit stehen beide etatmäßigen Torhüter nicht zur Verfügung, stattdessen rücken aus der U23 Maximilian Wolf und der erst 19-jährige Lukas Herrmann auf. Für Sebastian Bösing wäre dafür Manuel Both ein Kandidat gewesen, doch auch er ist verletzt. Ohne mindestens sechs Zweitligaspieler steht die HSG in Dresden vor einer Herkulesaufgabe, zumal auch noch Kapitän Fabian Schlaich unter der Woche mit einer Grippe ausgefallen ist. „Ich hoffe jedoch, dass er mitfahren kann“, sagt Eblen und zuckt mit den Schultern: „Dieses Jahr kommt es schon ganz dick in Sachen Verletzungen. Die Torwartposition ist nun einmal eine der wichtigsten und mit so vielen Ausfällen fällt auch die Trainingsarbeit schwer, obwohl die Jungs sich super reinhängen.“

Am meisten fordert er von seinen Schützlingen eine „bessere Effektivität in den Abschlüssen. Wir müssen dabei mehr Zählbares auf die Anzeigetafel bringen. Wir sehen die derzeitige Lage als Herausforderung, so wie es sein muss.“ Geschlagen gibt sich am Bodensee noch lange keiner. Obwohl die Hiobsbotschaften nicht abreißen wollen, der Konstanzer Optimismus und Kampfgeist sind nicht kleinzubekommen.