„Hat mich alles aus der Bahn geworfen“
Handball

„Hat mich alles aus der Bahn geworfen“

Konstanzer Abwehrchef Michael Oehler fällt nach OP halbes Jahr aus. Immer auf die Zähne beißen, alles geben trotz Beeinträchtigung des Wurfarms und dennoch Leistung bringen

Eine Herausforderung, eine die an die Substanz geht. Schon seit knapp zwei Jahren spielt Michael Oehler unter Schmerzen. Nach einem Griff in den Wurfarm hatte er immer wieder Schulterprobleme. „Es war ein stechender Schmerz“, schildert der 23-jährige Rückraumspieler den Moment, als seine Leidensgeschichte begann. Die später erst mit einiger Verzögerung feststehende Diagnose: Labrumriss. Fortan spielte er nur noch in der Abwehr und hielt sich mit Torwürfen zurück.

In der Abwehr war der gebürtige Gengenbacher allerdings auch in der letzten Saison nicht aus der im Kampf um den Klassenerhalt in der 2. Bundesliga schließlich erfolgreichen Mannschaft der HSG Konstanz wegzudenken. Und das, obwohl er in der vergangenen Spielzeit gleich im doppelten Sinne durchhalten musste. Als er vor der Saison 2016/17 umgeknickt war, bildete sich nach einer Bänderverletzung eine schmerzhafte Verknorpelung im Fuß, die nun vor wenigen Wochen – nach dem Saisonende – operativ entfernt werden musste. Zudem wurde das Labrum wieder hergestellt. Zuvor stellte er sich noch einmal in den Dienst der Mannschaft und war in der Deckung einer der Eckpfeiler, die Härte, Aggressivität und Sicherheit in einen stabilen Verbund brachten. Denn bei der Abwehrarbeit hielten sich die Schmerzen in Grenzen. „Ich habe alles gegeben und habe mir nichts vorzuwerfen“, stellt Michael Oehler klar.

Jetzt hat sich der Tagesablauf des 1,92 Meter großen und 97 Kilogramm schweren Kraftpakets, das zuvor kaum eine Trainingseinheit verpasst hatte, plötzlich drastisch verändert. Statt mit einem üppigen Frühstück und Training im Kraftraum beginnt der Tag des Ex-Schutterwälders, der 2014 aus Elgersweier nach Konstanz gekommen war, wie er endet: auf der Couch, den Fuß hochgelegt. Ein Comeback in der Rückrunde ist das Ziel, nachdem ihm die Ärzte eine sechsmonatige Zwangspause verordnet haben. „Das hat mich alles schon ein wenig aus der Bahn geworfen“, erzählt er leise. „Da hatte ich zwei, drei ganz schwere Wochen, in denen ich alles erst richtig realisiert habe.“

Bevor er wieder richtig mit der Reha beginnen kann, heißt es sich und den strapazierten Körper zu schonen, Medikamente einzunehmen und den Organismus sich langsam an den veränderten Tagesablauf und die fehlende körperliche Belastung anpassen zu lassen, Ernährungsumstellung und ungewohnte Herausforderungen im Alltag inklusive. Selbst das Tippen am Computer auf dem Schreibtisch ist derzeit nicht möglich, denn sein rechter Arm lässt sich nur unter Schmerzen nach oben heben. So heißt es tippen auf dem Schoß, lernen, sich mit der linken Hand die Socken anzuziehen und die Zähne zu putzen. „Am Anfang gar nicht so leicht“, so Michael Oehler, dem in diesem Moment doch ein kleines Lächeln über die Lippen huscht.

„Es fühlt sich mittlerweile ganz gut an“, sagt er drei Wochen nach der Operation. In wenigen Wochen möchte er wieder aktiv werden und an seiner Rückkehr arbeiten. „Bis dahin ist es noch ein weiter Weg, das ist mir bewusst. Ich denke, ich habe in der letzten Saison eine ordentliche Rolle gespielt, deshalb möchte ich bald wieder fit werden.“ Das Problem, vor dem er den größten Respekt hat: das Vertrauen in sich selbst, den Fuß und die Schulter – eben der Kopf, der mitspielen müsse. In diesem Zusammenhang verweist er auf Nationalspieler Paul Drux, der nach einer Schulterverletzung ebenfalls viel Zeit benötigte, um wieder befreit spielen zu können. Und natürlich ist dem Wirtschaftswissenschaft-Studenten bewusst, dass ein halbes Jahr eine lange Pause ist. Oehler: „Ich werde mich dann wieder in das Team hineinarbeiten müssen, in dieser Zeit wird viel passieren. Ich werde dann meinen Platz neu finden müssen – aber ich möchte der HSG wieder wie letzte Saison helfen und am liebsten im Juni den Klassenerhalt feiern.“ Trainer Daniel Eblen lobt seinen Abwehrchef für eine starke Runde und seine Rolle beim Erreichen des Saisonziels Klassenerhalt. „Jetzt müssen wir das anders kompensieren, wir hatten ja Zeit uns darauf einzustellen“, weiß Eblen. „Wir haben dafür ein paar Kandidaten im Kader und werden sehen, wie schnell das harmoniert.“

In schweren Stunden hilft Michael Oehler die Vorfreude auf Einsätze in der Offensive, denn nach vielen Spielanteilen in der Defensive und gezwungenermaßen wenigen im Angriff freut er sich auf die Torwürfe. Dem Verein ist er dankbar für das Vertrauen und die intensive Arbeit an und mit ihm: „Die vielen Trainingseinheiten auf hohem Niveau haben mir sehr geholfen, mich sportlich und persönlich weiterzuentwickeln und hier in Konstanz einen großen Schritt zu machen. Davon habe ich sehr profitiert.“ Lediglich 20 bis 30 Würfe auf das Tor habe er in der vergangenen Spielzeit im Training abgegeben, erinnert er sich. Das soll sich nun bald wieder ändern. Vorher muss er sich aber noch zu Hause in Schutterwald von seiner Mutter das Essen zubereiten und die Schuhe binden lassen und mit einer Armschlinge schlafen. „Das ist schwierig, aber das Schlimmste ist, dass kaum Sport möglich ist“, berichtet er. Die nächste Herausforderung für einen echten Kämpfer. Wer allerdings keine Kampf, keine Schlacht in der Abwehr scheut und dabei meist als Sieger hervorgeht, der wird auch diese einsame Schlacht gegen die Schmerzen und Zweifel bestehen. Michael Oehler wird auf die Zähne beißen. Wie immer.

Weitere Informationen unter: www.hsgkonstanz.de