Präsident Otto Eblen zu Jubiläum der HSG Konstanz: „Was eine Generation in 40 Jahren erreicht hat, nicht durch ein Virus kaputt gehen lassen“
Handball

Präsident Otto Eblen zu Jubiläum der HSG Konstanz: „Was eine Generation in 40 Jahren erreicht hat, nicht durch ein Virus kaputt gehen lassen“

Sein Appell: "Wenn jeder einbringt, was er kann, werden wir unseren erfolgreichen Weg fortsetzen."

Im Jahr 1980 schlossen sich der TV Konstanz, in dem seit 1923 Handball in Konstanz gespielt wird, und der HC DJK zur HSG Konstanz zusammen. Seit 2015 tritt die Handballabteilung des TVK zwar wieder eigenständig als HSG an, der damalige Zusammenschluss war dennoch der Startschuss für eine Erfolgsgeschichte. Im Interview blickt HSG-Präsident Otto Eblen vor dem ersten Heimspiel der neuen Zweitliga-Saison am Freitag, 20 Uhr, in der Schänzle-Hölle gegen Dresden auf die schwierigen Anfänge, Sternstunden der HSG-Historie und die aktuellen Herausforderungen im Jubiläumsjahr. Tickets sind unter www.hsgkonstanz.de/tickets erhältlich.

 

Otto Eblen engagiert sich seit mehr als 50 Jahren in verschiedenen Funktionen wie der Jugendarbeit, als Trainer und im Management bei der HSG Konstanz. Dafür wurde er mit der Ehrennadel des Landes Baden-Württemberg für „langjährige Verdienste im Ehrenamt“ ausgezeichnet. Seit 1991 ist der 72-Jährige Präsident der HSG. Otto Eblen hat zwei Söhne, zwei Töchter und acht Enkel, sein Sohn Daniel trainiert seit Anfang 2004 die erste Mannschaft.

 

Herr Eblen, wie fühlen Sie sich in diesen schweren Zeiten gerade beim Blick auf Ihr Lebenswerk HSG Konstanz, das in diesem Jahr sein 40-jähriges Jubiläum feiern könnte?

Auf der einen Seite beschäftigt uns gerade viel zusätzliche Arbeit, um große Probleme zu lösen. Auf der anderen Seite wächst die Zuversicht, je länger man sich mit der Thematik befasst und je näher das erste Spiel rückt. Irgendwann muss der Handball zurück auf die Bildfläche und wir müssen das Beste daraus machen. Natürlich befinden wir uns gerade in einer extrem schwierigen Lage, doch wir wollen daran wachsen und alle einen Schritt weiter kommen. Vor allem die finanziellen Herausforderungen gilt es gemeinsam zu meistern. Entweder wir vergraben uns, oder wir gehen offensiv mit der Situation um und lösen sie. Wir haben uns die Hilfe durch unsere Arbeit in den letzten 40 Jahren verdient.

 

Das alles nach der erfolgreichsten Saison überhaupt. Die erste Mannschaft blieb in der 2. Bundesliga, die U23 stieg in die 3. Liga auf und die A-Jugend gehört nun schon seit neun Jahren zur 1. Bundesliga. Dazu war das Interesse am Konstanzer Handball mit rund 1 400 Fans pro Heimspiel noch nie so groß. War daran vor 40 Jahren nur ansatzweise zu denken?

So etwas war ganz weit weg. Aber auch die letzten Erfolge sind schon wieder alte Geschichten, denen es nachzuhängen nichts bringt. Über den Zuschauerrekord freuen wir uns, diesen Stand gilt es zu halten und in Zukunft weiter auszubauen. In den letzten 40 Jahren, gekommen aus der Landesliga, haben wir viel erreicht, die Mannschaft ist beständig gewachsen, der Zuspruch in der Stadt und Region wurde immer größer. Daraus schöpfen wir Zuversicht. Schon immer stand dabei die langfristige Entwicklung, nicht der schnelle Erfolg und ein zu hohes Risiko im Vordergrund. Wir haben den Ehrgeiz und die Verpflichtung, was eine Generation in 40 Jahren kontinuierlicher Arbeit erreicht hat, nicht durch ein Virus kaputt gehen zu lassen.

 

Wie war das damals, 1980 im Gründungsjahr der HSG? Wie waren die Anfänge und wie kam es überhaupt zum Zusammenschuss von TV und HC DJK Konstanz?

Die Trennung im Konstanzer Handball war zu dieser Zeit scharf. Sportlich waren wir gar im Bezirk hintendran und abgeschlagen. Das kann man sich so heute gar nicht mehr vorstellen. Wir haben dann begonnen, ohne Druck mit den eigenen Kindern und dem eigenen Nachwuchs langsam etwas aufzubauen. Das war und ist das Erfolgsrezept. Der Erfolg kam nicht sofort. Es ging Schritt für Schritt und es wurde nicht der Fehler gemacht, alles auf eine Karte zu setzen. Die Kinder sind unsere Zukunft und ihnen sind die nächsten Erfolge vorbehalten. Allein im Kleinkinderbreich betreuen wir inzwischen über 250 Kinder, haben insgesamt über 450 Kinder und Jugendliche im Verein und rund 650 Mitglieder. Das ist Chance und Herausforderung zugleich. Wenn man sich die Initiativen des DHB zur Mitgliedergewinnung ansieht, sind wir hier auf einem guten Weg oder sogar einen Schritt voraus.

 

Retrospektiv: War der Zusammenschluss damals die Geburtsstunde für die steile Kurve nach oben bis hin zu drei Bundesligamannschaften in Konstanz?

Die Zusammenführung war rückblickend notwendig, aber auch schwierig. Der Grund: Oft sind Spielgemeinschaften ein Ausdruck von Mangel. An Spielern, an finanziellen Möglichkeiten oder fehlenden Hallen. In diesen Fällen reduziert man sich oft durch die Verschmelzung und es gibt einen Verlierer. Bei uns war die Motivation eine andere. Wir wollten die Leistungsfähigkeit erhöhen und den Handball in Konstanz voranbringen. Dafür haben die beiden Stammvereine grundverschiedene Stärken eingebracht: Der Turnverein war nur auf die Spitze ausgerichtet, der HCDJK auf die Breite. So hat es alleine keiner von beiden geschafft. Zusammen mit einer breiten Jugendarbeit und einer starken Spitze waren wir gut. Dennoch ließ man es langsam angehen und machte zu Beginn nur bei der ersten Frauen- und Herrenmannschaft gemeinsame Sache. Peu à peu kam die Jugend hinzu. Das hat Jahre gedauert, genauso wie bis zu den ersten größeren Erfolgen nach circa zehn Jahren. Natürlich gab es dann schon erste Kritik an der HSG, doch darauf folgten die inoffizielle deutsche Meisterschaft in der E-Jugend und die deutsche Vizemeisterschaft in der B-Jugend.

 

Diese Erfolge zählen sicher zu den Sternstunden der HSG-Historie. Was waren noch wichtige Etappen in der 40-jährigen Geschichte?

Zunächst stand die Frage: Warum sind wir in Konstanz weniger erfolgreich als kleine Gemeinden? Mit guter Schulung und Ausbildung entsteht guter Nachwuchs. Wir legen daher großen Wert auf gutes Training und gute Übungsleiter und haben diverse Ausbildungsprogramme gestartet. Dazu gehört eine gute Infrastruktur. Jeder schwört auf eine gute Jugend – doch wenn es um die Wurst geht, benötigt es einen langen Atem. Das haben wir hinbekommen und gehören nun zu den erfolgreichsten und mit dem Jugendzertifikat der HBL ausgezeichneten Standorten. Wir haben zwar kein Internat, bringen aber dennoch viel Qualität heraus. Unsere U23 in der 3. Liga besteht fast ausschließlich aus eigenen Jugendspielern. Wir machen vieles anders und müssen dies auch. Wir haben keine große Industrie in Konstanz, dafür jedoch andere Vorteile.

 

Was blieb Ihnen ganz besonders im Gedächtnis?

Der inoffizielle deutsche Meistertitel mit der E-Jugend als Jugendtrainer. Das war ein bleibendes Erlebnis. Es ist eine große Motivation, die Kinder so etwas erleben zu lassen. Wir sind damals nach Düsseldorf gefahren und haben Erfahrungen gemacht, die die Beteiligten bis heute lebhaft in Erinnerung haben. Aber auch die Aufstiege in die und Klassenverbleibe mit der ersten Mannschaft in der 2. Bundesliga sind sehr besonders. Das sind riesige Geschichten, doch im ersten Moment ist man einfach nur froh, dass es erreicht ist. So groß ist die Erlösung, so groß sind die Müdigkeit und Erschöpfung nach der intensiven Arbeit, so erschlagen ist man zunächst.

 

40 Jahre HSG: Eigentlich ein Grund zu feiern, zumal nach der erfolgreichsten Saison der Vereinsgeschichte…

Wir wollen gerne feiern – wenn wir die Krise überstanden haben und dann in das 41. und 42. Jahr gehen. Vorher macht das keinen Sinn.

 

Worin liegen die größten Herausforderungen um dahin zu kommen?

Die kennen wir noch gar nicht. Es gibt wöchentlich eine neue Lage. Wir mussten umfassende Hygiene- und Betriebskonzepte erstellen, müssen unsere Spieler und das Umfeld der Mannschaft mit allen Kosten wöchentlich testen lassen und sowohl organisatorisch als auch finanziell hohe Hürden meistern. Es weiß im Moment noch keiner, welche Situationen noch auftreten werden. Wir müssen anpacken und uns freistrampeln – aber das wird richtig heftig. Man kann nur um Unterstützung von allen Seiten bitten, damit der Handball in unserer Stadt eine Zukunft hat und wir das nächste Jahr mit Unterstützung Vieler überstehen.

 

Wie geht es der HSG aktuell?

Die Anforderungen verändern sich wöchentlich, sowohl in organisatorischer wie finanzieller Hinsicht. Man muss froh sein, wenn man Monat für Monat übersteht. Deshalb benötigen wir eine motivierte Mannschaft in der Organisation, die die wirtschaftlichen Probleme mit Hilfe unserer treuen Sponsoren und unseres tollen Umfeldes lösen müssen. Es wird in den nächsten Monaten noch deutlicher werden, was den Konstanzern alles fehlen würde, wenn wir es nicht schaffen. Wir sind nun alle gefordert. Ohne die große Solidarität von Sponsoren und Fans, die wir in der Krise erfahren durften, gäbe es die HSG schon nicht mehr. Es ist deutlich zu spüren, dass vielen das Wohlergehen der HSG am Herzen hängt. In den nächsten Wochen wird es neue Maßnahmen geben, bei denen wir auf weitere Unterstützung bauen. Es geht uns immer so gut, wie die Hilfe von außen ist. Die erhaltenen Zeichen machen uns zuversichtlich. Unser kürzlich verstorbener Freund Peter Kleiner (ehemaliger Sportchef des Südkurier, Anm. d. Red.) brachte es zu Beginn der Corona-Krise auf den Punkt: Die HSG stand schon vor so vielen großen Aufgaben, sie wird auch diese meistern. Das ist unser Anspruch.

 

Was wird nötig sein, um die wohl größte Herausforderung der Vereinsgeschichte zu überstehen?

Zu jammern hilft niemandem. Man muss realistisch sein – aber keinesfalls ängstlich. Wir wissen gar nicht, wozu wir fähig und in der Lage sind. Wir stellen uns der Herausforderung und haben gezeigt, was wir in den letzten 40 Jahren auf die Beine gestellt haben. Unser Anspruch ist es, dies im 41., 42. und den darauffolgenden Jahren fortzuführen. Schaffen wir es jedoch nicht, die erste Mannschaft finanziell über Wasser zu halten, droht die große Gefahr, dass der gesamte Jugendbereich mit unserem SportGarten ebenfalls in diesem wirtschaftlichen Strudel untergeht. Diese Konsequenz scheint vielen im und außerhalb des Vereins noch nicht so richtig bewusst zu sein. Die Bundesligamannschaft finanziert zum großen Teil die Jugendarbeit mit. Wenn die Mittel nicht mehr vorhanden sind, werden das sowohl der Jugendleistungsbereich wie der SportGarten nicht verkraften. Es geht ums Ganze! Ohne eine wirtschaftliche Unterstützung durch die Stadt können wir es nicht schaffen. Fast alle anderen Bundesligavereine besitzen bereits die Zusicherung ihrer Stadt, dass eine finanzielle Hilfe gewährt wird.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft und die nächsten 40 Jahre der HSG?

Dass die jungen Leute, die nachgerückt sind und Verantwortung übernommen haben, ihren Spaß und ihre Freude behalten. Jeder versucht das Beste zu machen. Wenn jeder einbringt, was er kann, werden wir unseren erfolgreichen Weg fortsetzen.

 

Fragen: Andreas Joas

 

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