HSG Konstanz-Präsident Otto Eblen nach „mentalem Absturz von 100 auf 0: Über grundsätzliche Werte nachdenken“
Handball

HSG Konstanz-Präsident Otto Eblen nach „mentalem Absturz von 100 auf 0: Über grundsätzliche Werte nachdenken“

Interview über die aktuelle Krise mit ausgesetztem Spielbetrieb in der 2. Bundesliga und Zukunftsperspektiven

Otto Eblen engagiert sich seit mehr als 50 Jahren in verschiedenen Funktionen wie der Jugendarbeit, als Trainer und im Management bei der HSG Konstanz. Seit 1991 ist der 71-Jährige Präsident der HSG. Otto Eblen hat zwei Söhne, zwei Töchter und acht Enkel, sein Sohn Daniel trainiert seit Anfang 2004 die erste Mannschaft.

 

Im Gespräch mit HSG-Pressesprecher Andreas Joas blickt Otto Eblen auf die aktuelle Krise mit ausgesetztem Spielbetrieb sowie Zukunftsperspektiven und spricht über grundsätzliche Werte, einen mentalen Absturz und Lösungen und Solidarität.

 

Herr Eblen, wie geht es Ihnen aktuell, wie gehen Sie mit der Krisensituation um?

Ich sitze gerade bei schönstem Wetter am Schreibtisch und befinde mich vorsichthalber in Quarantäne fernab meiner Enkel. Das ist ein gravierender persönlicher Einschnitt. Noch schwieriger ist es für meine Enkel, die nicht verstehen, warum der Opa nur noch vom Balkon aus zu erreichen ist. Sie stehen jetzt vor der Frage, wer nun mit ihnen Fussball spielt.

 

Ein schwer fallender Beitrag in der aktuellen Krise?

Es ist das Ziel, die aktuelle Krise gemeinsam so schnell wie möglich zu meistern. Die Vorgaben dafür kennen wir alle, daran müssen wir uns halten. Jeder sollte dazu ein wenig verzichten können.

 

Wie bedrohlich ist die aktuelle Lage für die (Handball)-Vereine?

Die Situation hat sich scheinbar schlagartig von einem auf den anderen Tag geändert. Vor zwei Wochen haben wir noch dafür gearbeitet und uns auf eine tolle Kulisse im Heimspiel gegen den HSV gefreut. Plötzlich ist das zum Geisterspiel mutiert, wenig später war alles tot. Das war zunächst ein mentaler Absturz von 100 auf 0. Das hatte aber auch positive Seiten. Man konnte runterkommen, sich Gedanken machen, für die lange keine Zeit war. Die Belastung in den letzten Wochen war für viele extrem.

 

Was ist nun besonders belastend?

Wir müssen die sportliche und wirtschaftliche Situation klären. Die Frage, die sich stellt, ist: Wie geht es in der nächsten Saison weiter? Solange die Ligazugehörigkeit und diese Frage nicht geklärt ist, können wir nicht richtig planen und schwerlich mit unseren Sponsoren und Fans kommunizieren. Dieser Stillstand tut keinem Club gut. Die aktuelle Spielzeit könnten wir überbrücken, für die Zeit danach benötigt es bald mehr Planungssicherheit.

 

Stehen Sie somit vor der größten Herausforderung Ihrer über 50-Jährigen Vorstandstätigkeit?

Man beschäftigt sich nun mit Themen wie Kurzarbeit, von denen man vorher kaum Ahnung hatte. Man lernt jeden Tag viel Neues, um dann hoffentlich die richtigen Entscheidungen zu treffen. Die neue Situation ist dabei extrem – allerdings für alle. Wenn uns vorher Probleme singulär betroffen haben, war man auf sich ganz alleine gestellt. In dieser für alle bedrohlichen Lage spüre ich die Solidarität und Suche nach Lösungen in der Politik. So werden wir die Herausforderungen gut über die Bühne bekommen.

 

Welche Zukunftsperspektiven sehen Sie?

Für mich sprechen wir dann von der nächsten Saison und der Frage, wo wir spielen. Die 1. und 2. Frauen-Bundesliga haben bereits ihren Spielbetrieb eingestellt. Ohne Absteiger, aber eventuell mit Aufsteigern. Ich gehe davon aus, dass die Krise uns noch einige Zeit beschäftigen wird und wir daher in Bezug auf die neue Saison eine Entscheidung benötigen. Wenn wir den aktuellen Stand betrachten, können wir optimistisch in die Zukunft sehen und auf den Klassenerhalt hoffen. Bei allen derzeitigen Problemen dürfen wir nicht vergessen, dass das eine Riesen-Leistung für uns wäre. Zunächst wollen wir die Krise meistern, dann aber auf dem aufbauen, was wir die letzten Jahre geschaffen haben. Je sicherer und fester das Fundament ist, desto eher werden wir sie managen. Im Hintergrund sind viele Menschen mit und für uns gerade dabei, die finanziellen Herausforderungen zu meistern.

 

Worauf kommt es in dieser Lage besonders an?

Unter anderem Solidarität. Jeder braucht den anderen und dessen Hilfe. Dabei muss man dies auch aus der Zukunft sehen: Jeder möchte doch, dass der Partner für die Zukunft erhalten bleibt. Der Beitrag zielt insofern auf die Zukunft ab und eine gemeinsame Perspektive. Wir sind ohne Verschulden in der aktuellen Lage und für mich geht es darum, gemeinsam ein Ziel zu erreichen. Das ist uns gelungen. Wenn die Zuschauer die Saison reflektieren und sagen, dass sich ihre Dauerkarte gelohnt hat, dann bin ich mir sicher, dass unsere Sponsoren und Fans uns unterstützen werden. So entsteht daraus eine Zukunftsperspektive.

 

Welche Szenarien gehen Sie aktuell durch: Saisonabbruch oder nicht und wenn ja: Mit welchen Konsequenzen?

Was nicht passieren darf, sind Geisterspiele, um die Saison irgendwie zu Ende zu führen. Das hätte extrem negative Auswirkungen auf alle Vereine. Zwei, drei Szenarien halte ich für sinnvoll. In Norwegen halten die Vereine die Klasse, die dies möchten, bei gleichzeitigem Aufstieg der dafür in Frage kommenden Kandidaten. Bei den Frauen-Bundesligen wurde über Aufsteiger noch nicht entschieden. Das würde einen vermehrten Abstieg in den kommenden Jahren bedeuten. Für die Vereine laufen die Kosten weiter, bei null Einnahmen ohne jede Veranstaltung. Neben der sportlichen Qualifikation ist deshalb entscheidend, dass die tragische Krise nicht so lange andauert, bis die wirtschaftliche Basis der Clubs vollends wegbricht. Auf Dauer wird dies keiner bewerkstelligen können.

 

Wie lässt sich so gerade überhaupt planen?

Neben der finanziellen Komponente müssen wir uns auch sportlich rüsten und Abgänge kompensieren. Allerdings mussten wir Probetrainings absagen. Es ist schwer, so eine neue Mannschaft zusammenzustellen. Natürlich kann man viel telefonisch erledigen, aber ein persönliches Gespräch und Training sind schwerlich zu ersetzen.

 

Was wünschen Sie sich in dieser Lage?

Dass wir dies alles gesund überstehen. Die Situation zwingt uns wie bei sämtlichen Unfällen und Krisen dazu, über grundsätzliche Werte nachzudenken. Die sportlichen Alltagsprobleme sollten wir auch dann dementsprechend einordnen, wenn es uns allen gesundheitlich wieder gut geht. Kleine Probleme werden dadurch relativ. Für uns alle hat es nicht nur Nachteile, wenn man gezwungen wird, herunterzufahren. In solchen Situationen lernt man schnell, wer es gut mit uns meint und für wen Solidarität kein Fremdwort ist. Nach der Krise zeigt die Bestandsaufnahme, welche Narben entstanden sind. Es ergeben sich sicher auch neue Chancen. Diese zu erkennen, ist unsere Hoffnung.

 

Fragen: Andreas Joas

 

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